Friede in Bolivien |
El Alto, Bolivien, den 18. Oktober 2003 Liebe Leute Nach diesen schrecklichen letzten zwei Wochen, kann ich
euch mitteilen, dass, nachdem am Freitag ganz La Paz, El Alto und unzaehlige
Menschen vom Altiplano (man schaetzt auf insgesammt ueber 500 000 Demonstranten)
eine Friedensdemonstration durch die Stadt La Paz gemacht haben, die intellektuelle
Szene von ganz Bolivien in verschiedenen Staaedten in Hungerstreick getreten
sind, sich andere Staedte den Demonstrationen angeschlossen haben, mehr
als 50 000 Campesinos aus Richtung Oruro im Anmarsch waren, es nun vorbei
ist. Karin |
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SOZIALE UNRUHEN UND MASSAKER
IN BOLIVIEN |
El Alto und La Paz, Bolivien, den 15. Oktober
2003
![]() Liebe Freunde! Das alles ist schon Vergangenheit. Seit Mittwoch letzter Woche haben die Proteste die Stadt eingeholt. El Alto ist im "Krieg" (Anmerkung: Krieg kann man einen Zustand bezeichnen bei dem mindestens zwei bewaffnete Parteien gegeneinander kämpfen. Hier ist das Anders: die Regierung hat Waffen, Hubschrauber.... das Volk hat Steine) versunken. Die triste Bilanz bis heute morgen früh, 56 Tote und mindestens 400 Verletzte. Das ist, soweit die Statistik reicht. In Wirklichkeit dürften es weit mehr sein. Warum ist es soweit gekommen? Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas
und die indigene Bevölkerung leidet seit der Kolonialisierung durch
die Spanier unter Repressionen, sozialem Ausschluss und Armut. Das neoliberale
Wirtschaftssystem hat es nicht geschafft, die soziale Bresche zu schliessen.
Gemäss neuster Studien ist die Distanz zwischen den Ärmsten
und den Reichsten in Bolivien inzwischen am grössten von allen südamerikanischen
Ländern. Seit 1936 Erdölvorkommen entdeckt
worden sind, sind sie in der neueren Geschichte schon mehrere Male privatisiert
und wieder verstaatlicht worden. Der härteste Schlag für die
Erdölvorkommen war aber das neue Gesetz über die Erdölvorkommen
(La nueva Ley de Hidrocarburos), das 1996, in der letzten Regierung Sánchez
de Lozada in Kraft trat und heute noch gültig ist. Die staatliche
Erdölgesellschaft YPFB (Yacimientos Petrolíferos Fiscales
Bolivianos) wurde kapitalisiert und ihre Administration vollständig
in die Hände privater Firmen überführt. Für neu entdeckte
Vorkommen wurden die Steuern von 50% auf 18% gekürzt. Ein zusätzlicher Grund für
den Volksaufstand liegt in der Geschichte Boliviens. 1879, während
der Fasnacht drang die chilenische Armee in den bolivianischen Litoral
ein und eroberte den einzigen Meeranschluss der verkaterten Bolivianern,
was bis heute jährlich betrauert wird und als die historische Ursache
für das wirtschaftliche Debakel Boliviens betrachtet wird. Ein weiteres Debakel, das nicht so sehr an die Öffentlichkeit gelangt ist, besteht darin, dass die Gasvorkommen in der Mitte eines Nationalparkes liegen und die bolivianische Gesetzgebung die Bodenschätze über alles andere stellt, ob da nun ein Nationalpark oder ein Schutthaufen drüber liegt. Abzusehen ist, wie umweltfreundlich die Förderungsmethoden sein werden. Obwohl die Umweltgesetzgebung hier vorzüglich ist, hat sich noch selten jemand darum geschert, sie auch umzusetzen. Bis Freitag stellte sich die Regierung den Protesten gegenüber dumm und hatte das Gefühl dass die Situation mit Waffengewalt wieder in den Griff zu kriegen sei. Zu den sich häufenden Stimmen, die den Abgang des Präsidenten wollen, meinte seine Hoheit, dass die Proteste nicht ernst zu nehmen seien, da nur< 0,1% der bolivianischen Bevölkerung sie unterstütze und dass er seinen Posten nicht verlassen könne, weil seine Frau weiterhin erste Dame des Landes sein wolle. Tja, was will man bei so viel Impertinenz noch erwarten... Was seit Mittwoch passiert ist Am Sonntag Nachmittag schossen sich die Militärs den Weg nach La Paz frei, um einen Benzinkonvoi, begleitet von Panzern, in die Stadt zu führen. Sie schossen auf alles was sich in Sichtweite bewegte, so dass sogar die Journalisten oder Gaffer sofort das Weite suchen mussten. Gemäss Angaben der Regierung ist es ein fundamentales Menschenrecht der Bürger von La Paz, Benzin zu haben. Kann es wirklich sein, dass eine Regierung Benzin den Menschenleben vorzieht? Auf jeden Fall haben die Transportisten von La Paz ihren Generalstreik vorgezogen und heute kurven nur einige wenige private Autos durch die Strassen und zu kaufen gibt es auch nichts. Wie schon gesagt, die Bilanz bis heute morgen sind 57 Tote, wobei die ofizielle Regierungsversion nur viel weniger beinhaltet. Ebenfalls erliess die Regierung ein Dekret, in dem sie sagt, dass im Moment noch keine Rede vom Gasverkauf sei, dass das erst Ende Jahr nach einer breiten Volksbefragung entschieden werde und dass sie jederzeit bereit sei, den Dialog mit der Opposition und den Volksführern aufzunehmen. Leider hat die Opposition im ganzen Konflikt
wenig zu sagen, denn es ist das Volk, das müde ist, das endlich besser
leben will, das aus diesem Grund aus eigener Initiative auf die Strasse
ging. Heute morgen gehen die Unruhen weiter und auch das Zentrum von La Paz ist voll von Demonstranten. Der Helikopter fliegt weiter über La Paz und El Alto und verbreitet Unsicherheit. Gedanken zum Schluss Gestern hat sich leider die nordamerikanische
Regierung ins Spiel miteingebracht und kundgetan dass sie den Praesidenten
und seine konstitutionelle Demokratie unterstuetzen und es nicht zulassen
werden , dass gegen dieses "konstitutionelle Recht" Hand erhoben
wird. Dies aus aktuellem Grund ein kurzer Abriss der Gegebenheiten in El Alto und La Paz. Den Grossteil dieses Berichtes verfasste Judith Fasler (Interteam) unsere Freundin die in La Paz wohnt. Einige Abschnitte wurden auf die Geschehnisse von El Alto angepasst. Mit dieser Notiz hoffen wir Auskunft und Anlass zum Nachdenken ueber die aktuelle Situation hier in Bolivien geben zu koennen und somit den Menschen vor Ort , vor allem der Bevoelkerung von El Alto gerecht zu werden. Mit ganz lieben Gruessen und der Hoffung "que vuelve la paz en La Paz", d.h. das der Friede wiederkehre in der "Stadt des Friedens" Karin, Martin mit Kindern
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