Kaffee ist bitter
| Wer hier im Kaffeeland
Bolivien einen "guten" - sprich den jahrelang antrainierten
europäischen Geschmacksnerven entsprechenden - Kaffee trinken möchte,
wird viele Enttäuschungen erleben. Die meisten Bolivianer stellen ihren Kaffee aus einem Kaffeedestillat her, welches mit viel heissem Wasser und noch mehr Zucker verdünnt wird. Das daraus entstehende schwarze Gebräu ist zwar trinkbar, hat aber wenig mit "nördlichem" Kaffee zu tun. Falls geneigter Kaffeegeniesser noch ein wenig Milch möchte - kein Problem, eine Büchse mit gezuckertem Milchpulver lässt sich fast immer auftreiben. Einen guten Kaffee herstellen ist aber auch gar nicht so einfach. So fehlt in Bolivien, einem an Biodiversität reichen Flecken dieser Erde, eine wichtige Voraussetzung für einen echten, italienischen Espresso: Der muss nämlich immer ein wenig Robusta-Bohnen enthalten, eine Kaffeesorte, die vorwiegend auf dem afrikanischen Kontinent wächst. Der in Bolivien angebaute Arabica ist zwar auch notwendig, reicht aber eben nicht aus, wie mir ein italienischer Kaffeebar Besitzer an der Biofach-Messe in Nürnberg ausführlich erklärte. |
Liebe
Kaffeetanten, -onkels, -feinschmecker, -geniesserinnen, - vielsäufer,
mit oder ohne Milch trinkende und -süchtige.
In den letzten fünf Jahren ist der internationale
Rohstoffpreis für "grünen Kaffee" kontinuierlich
abgesackt und hat mit rund 1/2 US-Dollar pro amerikanischem Pfund (453
Gramm) den tiefsten Stand (inflationsbereinigt) seit 100 Jahren erreicht.
In den 80er Jahren gab es für die gleiche Menge noch 1.20 US-Dollar
im Durchschnitt. |
Kaffeepflanze |
Kaffeekirschen |
Davon haben Sie, liebe
Konsumentin und lieber Konsument wahrscheinlich nicht viel gemerkt.
Dieser Preiszerfall wurde denn auch nur begrenzt an die Kunden weitergegeben,
und blähte vielmehr die Gewinne der dominierenden Grosskonzerne
im Kaffeemarkt wie Philip Morris, Tesco, Starbucks, Tchibo, Procter
& Gamble oder Nestlé. So ist im Jahresbericht 2000 von Nestlé
nachzulesen, dass dank der tiefen Rohstoffpreise die Handelsprofite
und Gewinnmargen zugenommen haben. In der Ökonomen-Sprache wird
dies in der Regel als "Windfall"-Profite bezeichnet. |
| In Bolivien wird vorwiegend Arabica-Kaffe
angebaut. Er wächst an strauchartigen Bäumen und sieht zunächst
wie eine rote Kirsche aus. Der/die bolivianische KleinbauerIn pflückt
diese Kirschen von Hand, wobei seine Auslese, d.h. dass er nur die gesunden
und reifen Kirschen abpflückt schon sehr entscheidend für
die Kaffeequalität ist. |
Ein steifer Wind weht
denn auch den über 70 Produzentenländern um die Ohren und
wie Fallobst zerschellen die Träume vieler Kleinbauern auf ein
besseres Leben auf dem harten Boden der marktwirtschaftlichen Realität.
Die englische Entwicklungsorganisation Oxfam hat in einer Studie (Bitter Coffee: How the Poor are Paying for the Slump in Coffee Prices. Oxford 2002) in ganz unterschiedlichen Ländern wie Tanzania, Mexiko oder Haiti die gleichen verheerenden sozialen Folgen des Preiszerfalls festgestellt: Armut und Migration. |
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Die Kaffekirschen werden durch eine
Presse - die Despulpadora - gedrückt, manchmal auch einfach mit
Füssen oder Holzpflöcken gestampft. Übrig bleiben die
klebrigen Kerne der Kirschen. Diese müssen gewaschen und fermentiert
werden. Qualitätsbewusste Kaffeebauern machen dies mit sauberem Wasser in speziellen Anlagen; andere, die weder über Infrastruktur noch das nötige Wissen verfügen, waschen ihre Kerne im Fluss, meist zusammen mit der Wäsche, den Kindern und sich selber. |
In einer monetarisierten Wirtschaft ist der Verkauf von grünen Kaffeebohnen für viele Kleinbauernfamilien die einzige Möglichkeit, Geldeinnahmen zu erzielen, welche sie dringend brauchen um das Schulgeld, den Arztbesuch oder den Zugang zu Strom- und Trinkwasser zu bezahlen. Fallen diese Einnahmen weg, bleibt meist nur die Verschuldung und im schlimmsten Fall die Emigration in die Elendsgürtel der Megastädte übrig. |
| Ende der 80er Jahre
gaben die Kaffeetrinker der Welt für ihr heissgeliebtes Getränk
pro Jahr 30 Milliarden Dollar aus (Umsatz im Detailhandel). Davon flossen
rund 10 Milliarden (Exporteinnahmen) in die Erzeugerländer. Heute,
da der Kaffee sich auch in Osteuropa und Japan durchsetzt, ist das Marktvolumen
auf über 70 Milliarden gewachsen. Aber weniger als 6 Milliarden
kommen im Kaffeegürtel an, der sich 2500 km südlich und 2500
km nördlich des Äquators erstreckt. |
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| Im Fermentierungsprozess
verliert der Kaffeekern sein klebriges Häutchen und wird anschliessend
auf dem Boden oder auf speziellen, mit einem feinen Netz bespannten
Tischen, an der Sonne getrocknet.
Anschliessend wird der Kaffee in Säcke eingepackt
und gelagert oder weiter verarbeitet. Zusammen mit Luc, der bei uns zu Besuch weilte, haben wir die weiteren Schritte der Kaffeezubereitung durchgespielt und dokumentiert. |
Zerfall der
Kaffeepreise
Schuld für den Fall der Kaffeepreise ist ein Überangebot: Seit den 90er Jahren stieg die Kaffeeproduktion um 15%, der Konsum jedoch "nur" um die Hälfte. Im Kaffeejahr 2001/2002 gelangten gemäss der Internationalen Kaffeeorganisation rund 113 Millionen 60-Kilogramm-Säcke auf den Markt, während der weltweite Konsum auf 106 Millionen Säcke geschätzt wird. Dazu warten rund 40 Millionen Sack in Lagerhallen auf ihre Verwendung. Ursachen für den Produktionsanstieg sind Ertragssteigerungen dank technischer Innovationen (v. a. in Brasilien) sowie das Erscheinen neuer Kaffeeanbieter auf dem Markt, allen voran Vietnam, dass sich innerhalb eines Jahrzehnts vom unbedeutenden Kaffeeproduzenten zum weltzweitgrössten Kaffeeexporteur entwickelte - noch vor Kolumbien und hinter Brasilien. Aber auch in anderen Ländern fördert die Regierung die Kaffeeexporte, um mit den Deviseneinnahmen unter anderem die Zinsen der Auslandschulden zu bezahlen (siehe Beispiel Vietnam). |
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| Vietnam |
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| Der
Weg von der Bohne in die Tasse .....
Der Rohkaffee muss zunächst geschält und aussortiert werden. Dabei wird das äusserste Häutchen abgeschliffen. Die Schälmaschine - Trilladora - die mir zur Verfügung stand ist für den Laborgebrauch gedacht, während die industriellen Maschinen natürlich einiges grösser sind.
Das Endprodukt dieses Prozesses wird in Fachkreisen Café d' Oro oder grüner Kaffee genannt. Dies ist die Exportqualität, deren Preis an den Börsen von New York und London gehandelt wird und die mit Transportschiffen aus der ganzen Welt in die wichtigsten europäischen Häfen wie Hamburg, London oder Genua gelangen. | Lösungsvorschläge: 1) Markt... Nun ist es nach gängiger (neo-)liberaler Wirtschaftsmoral nicht verwerflich, dass Unternehmen wie Nestlé Gewinne "einheimschen", denn dazu sind sie schliesslich da. Auch bietet die "freie" Marktwirtschaft eine Lösung des Problems: Die tiefen Preise zwingen viele Bauern, die Kaffeeproduktion einzustellen, womit das Angebot sinkt und die Preise wieder steigen. So einfach ist das. Nicht jedoch für viele Kaffeebauern, die
tatsächlich ihre Kaffeekirschen nicht ernten, da sich der Aufwand
wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Lösungsvorschläge: 2) Abkommen... Im Jahre 2001 wurde ein neues Übereinkommen für die internationale Zusammenarbeit im Kaffeebereich verabschiedet, das eine nachhaltige Entwicklung von Angebot und Nachfrage fördern soll. Es enthält jedoch keine wirtschaftlichen Mechanismen zur Stabilisierung der Kaffeepreise, wie das in früheren Abkommen noch der Fall war (siehe Internationales Kaffeeabkommen). | |
Internationales
Kaffeeabkommen Die International Coffee Organisation (ICO), welche die wichtigsten Kaffee ex- und importierenden Länder zusammenschloss, verhinderte während 30 Jahren ein zu tiefes Absinken der Preise. Aus Angst, dass aus verarmten Bauern Kommunisten werden könnten, stimmten Amerika und Westeuropa einem Abkommen zu, das für jedes Land festlegte, wie viel es exportieren durfte. 1989 platzte das Abkommen, da sich die Produzenten und Einkäufer nicht mehr auf Exportquoten einigen konnten. Seit dem herrscht wieder der freie Markt. | ||
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Die Schweiz weist nach den skandinavischen
Ländern den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Kaffee auf. Im
Jahre 2000 importierte die Schweiz 1.18 Millionen Sack grünen Kaffee
im Wert von 265 Millionen Franken. Gut 4% davon wurden - vor allem in
Form von löslichem Kaffee - wieder exportiert. Nur rund 5% des konsumierten Kaffees in der Schweiz stammen aus dem Fairen Handel, in Deutschland ist es gar nur 1%. |
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Entscheidender Einfluss auf den Geschmack eines Kaffees
hat - neben der bereits erwähnten Mischung von verschiedenen Kaffeesorten
- die Röstung.
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Lösungsvorschläge: 3) Qualität... Das internationale Abkommen allein wird aber kaum genügen,
um das Schicksal verarmter Kaffeebauern und -bäuerinnen zu verbessern.
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Rund 95% der Pflanzer
produzieren jedoch nach wie vor für den billigen Massenmarkt und
haben weder die technische Unterstützung noch die finanziellen
Mittel, um die Qualität ihres Kaffees zu verbessern. Regierungen
im Süden und Norden wie auch Entwicklungsorganisationen sind gefordert,
um die notwendigen strukturellen Veränderung zu unterstützen
und deren soziale Folgen abzufedern. Anstatt Ertragssteigerung und Rationalisierung
müssen vermehrt Qualität und ein nachhaltiger Umgang mit den
natürlichen Ressourcen gefördert werden. |
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| Die Bohnen werden dabei zunächst
langsam dunkler und fangen nach ca. 10 Minuten an aufzuplatzen.
..... zum Schluss heisst es GENIESSEN..... | Lösungsvorschläge: 4) Coca... Einen anderen Ausweg aus der Krise scheinen viele Kaffeeproduzenten
zumindest in Kolumbien und Bolivien gefunden zu haben. Trotz militärischer
Repression und zig Millionen an Entwicklungsgeldern für sogenannte
Umsteige-Projekte (in denen u.a. wiederum das Märchen vom gewinnbringenden
Kaffeeanbau aufgetischt wird) hat die Cocaproduktion in beiden Ländern
stark zugenommen. |
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Was bleibt da dem gewohnten
Kaffeetrinker. Nun zuckern Sie zunächst ihren Kaffee wieder, damit
er nicht mehr so bitter schmeckt (der Zucker stammt übrigens meist
auch aus dem Süden - aber das ist eine andere Geschichte oder etwa
doch nicht?) und denken Sie beim nächsten Kaffeekauf daran, dass
sich der Mehrpreis für einen Fair gehandelten Kaffee vielleicht
doch lohnt - viele Kleinbauernfamilien im Süden werden es Ihnen
danken. |
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